Gemischte Meinungen zur Rente mit 70
30.06.2010 – In ihrem am 23. Juni 2010 präsentierten Grünbuch spricht die EU-Kommission zwar nicht ausdrücklich von einer Rente mit 70, doch geht sie davon aus, dass die Europäer 2060 sieben Jahre länger als heute leben und das Renteneintrittsalter entsprechend erhöht werden muss, und zwar um fünf Jahre.
Für die Deutschen, die sich derzeit noch mit 65 aus dem Berufsleben verabschieden, heißt das: erst mit 70 Jahren in Rente gehen. Die Empfehlung der Kommission wurde hierzulande unterschiedlich aufgenommen.
DIW: 2060 zu spät
Für Klaus Zimmermann vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) gibt es keinen Zweifel, dass die Rente mit 70 kommen muss, allerdings nicht erst im Jahre 2060. Das sei viel zu spät. "Das wird viel früher kommen, schon deshalb, weil die Lebenszeit sich ständig erhöht und die Menschen das sehr gesund erleben", so Zimmermann in der "Saarbrücker Zeitung". Die Kosten, die dadurch entstünden, könnten durch das soziale Sicherungssystem nicht getragen werden.
Wirtschaftsministerium: keine Erhöhung
Ganz anderer Meinung ist da Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle. "Wir haben gerade erst begonnen, das Renteneintrittsalter auf 67 Jahre zu erhöhen. Ich verstehe die Empfehlung der EU-Kommission als Aufforderung an die Länder, die diese Maßnahme noch nicht ergriffen haben", so Brüderle im Hamburger Abendblatt.
SoVD: auf keinen Fall
Eben weil Deutschland sein Rentensystem derzeit reformiert, stellt sich auch der Sozialverband Deutschland (SoVD) gegen die Empfehlungen der EU-Kommission. Schon durch die Rente mit 67 würde der deutsche Staat die Rente indirekt kürzen, äußerte Verbandspräsident Adolf Bauer in der "Rheinpfalz am Sonntag".
Nur die wenigsten Berufe könnten die Beschäftigten bis zum gesetzlich festgelegten Renteneintrittsalter ausüben. Das sei bereits jetzt bei der Grenze von 65 Jahren der Fall. Viele würden schon früher aus dem Berufsleben ausscheiden. Die Konsequenz seien erhebliche Abschläge. "Die Bundesregierung darf sich von Brüssel das Heft nicht aus der Hand nehmen lassen", heißt es beim Sozialverband deshalb. Lässt sich der deutsche Staat von der EU in seine Rentenpolitik reinreden, würde er das Vertrauen seiner 20 Millionen Rentner verlieren, warnt Bauer. Er plädiert dafür, das gegenwärtige Rentenniveau in Deutschland zu halten.